OER – Qualität und Geld

Lutherrose
Lutherrose am Tor der Pfarrkirche St. Georg am Markt in Eisenach

Während einer recht hochkarätigen Sitzung, in der ich vortragen durfte, was OER ist und wie der Prozess der

Entwicklung eines Postionspapieres der EKiR u.a. auf openeducationalresources.de gestaltet wird, fiel wieder das Argument:

„Niemand wird bereit sein, kostenlos Material zu entwickeln und für andere bereitzustellen!“

Offensichtlich gibt es – mindestens in einem akademisch gebildeten Milieu – in Deutschland einen kaum hinterfragten Zusammenhang von Veröffentlichungen, Geld und Qualität. Dieser Zusammenhang wird oft herbeigerufen, wenn es um OER-Materialien (OERMel) geht.

Tatsache ist doch, dass es zahlreiche fleissigen ArbeiterInnen z.B. in den Schulen gibt, die (beinahe) täglich neue Unterrichtsmaterialien produzieren und anschließend direkt evaluieren. Was passiert eigentlich mit diesen Experten für Unterricht, wenn sie andauernd erfahren, dass nur Materialien, die von einem Verlag herausgegeben werden und für die Geld gezahlt bzw. genommen wird, wirklich Qualität haben? Und was erlebten die Lehrerinnen und Lehrer während ihrer komplexen Ausbildung, dass sie nicht oder nur selten oder nur im kleinen Kreis bereit sind, ihre evaluierten Materialien zu teilen?

Dahinter steht natürlich einerseits die Vermutung, dass ein OERMel im Verlag eine gewisse Qualitätskontrolle durchlaufen, weil die Verlage gezielt Autoren auswählen und die Materialien durch ein Lektorat gehen und evaluiert sind – das ist nicht von der Hand zu weisen. Die Verlage zahlen dafür den Einen Geld, dass sie durch die Einnahmen aber von Anderen wieder zurückbekommen. Unterricht (darf ich mal auf Hattie, hilfsweise auf Hilbert Meyer verweisen?) konstituiert sich wesentlich aber nicht durch die Qualität der OERMel, sondern durch die Qualität des Lehrers und des Unterrichts. Eigentlich wären wir mit dieser Schleife sofort wieder bei OER…

Andererseits haben die Lehrerinnen und Lehrer natürlich Recht, wenn sie ihre selbstertellten OERMel nicht allzu öffentlich verteilen. Denn natürlich müssen Urheberrecht und Copyrights, die sich ständig ändern, beachtet werden. Also darf ich z.B. das Arbeitsblatt aus dem Buch für meinen Kurs kopieren – aber den offensichtlichen Unsinn darin, oder veraltete Angaben darf ich nicht ändern. So werden wir spätestens mit dem Einstieg ins Lehramt in ein funktionierendes verlagsgeschütztes Urheberrechtssystem enkulturiert, dass eine Emanzipation und Selbstwirksamkeitsvermutung kaum noch zulässt.

Und zum Letzten setzte sich an irgendeiner Stelle der Ausbildung unseres Bildungssystems der Gedanke fest, das „Expertise“ – z.B. für die Erstellung von OERMel – immer mindestens durch einen Titel, Grad oder Position ausgewiesen ist. Im nonformalen Bildungsbreich strafen YouTube & CO dieses Denken längst Lügen und zahlreiche lokale oder überregionale Initiativen, die off- oder online miteinander arbeiten, haben sich längst davon freigeschwommen.

Ich bin gespannt, ob die Diskussion um OER in Deutschland, wie sie z.B. in openeducationalresources.de von der Ev. Kirche im Rheinland angestossen ist, auch dieses Thema aufnehmen wird. Welche veränderten Voraussetzungen bedarf es, dass Menschen ermutigt werden, ihre eigenen Leistungen auch anderen zur Verfügung zu stellen? Das MIT oder die Khan Academy oder YouTube machen es schon lange vor.

Ganz am Rande sei aber auch darauf verwiesen, dass „offen“ im Sinne des OER natürlich „Nutzungsfreiheit“ bedeutet. Niemand hindert jemanden (Person, Institution) daran, Geld zu investieren, um gute OERMel zu erstellen. Wenn diese qualifizierten OERMel angenommen werden, werfen sie auch wieder ein gutes Licht zurück auf den Urheber, der z.B. über das Setzen von CreativeCommons seine Ideen bewußt freigibt. Nutzungsfreiheit mit Kostenfreiheit gleichzusetzen, zeigt das das Nachdenken im oben skizzierten Zusammenhang stecken bleibt.

CC BY-SA 4.0 OER – Qualität und Geld von Frank Wessel ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

2 Gedanken zu „OER – Qualität und Geld

  1. Danke für die Unterscheidung von offen zugänglich und kostenlos. Auch Unterrichtende, Aus- Fort- und Weiterbildner, die Material für ihre Kurse erstellen, tun dies nicht kostenlos, sondern im Rahmen ihrer bezahlten Tätigkeit.
    Ich wage die kühne These, dass wenn wir die Ressourcen aus dem Pool der Lehrmittelfreiheit in OER inverstiert würden, wir nicht nur hervorragend ausgestattet Schulen mit den aktuellsten Bildungsmedien bekämen, sondern obendrein noch nachhaltig zur globalen Bildungsentwicklung beitragen würden.

    1. Diese Unterscheidung ist auch schon von John H. Weitzmann in der Broschüre der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb), Offene Bildungsressourcen (OER) in der Praxis, dargestellt. Tatsächlich gibt es an vielen Stellen Menschen, die dafür bezahlt werden, dass sie unterrichten und dafür auch Materialien (OERMel) erstellen. Zusammen mit all denen, die aus purer Lust am Lehren bzw. am Weitergeben dessen, was man selbst erkannt hat, gibt es Googols von OERMel. Was fehlt, ist das Selbstbewußtsein und Bereitschaft von Unterrichtenden, diese Materialien auch anderen zu schenken, mitunter steht auch deren Dienstanweisung dagegen. Ich weiß – da ist auch etwas mit Urheberrechten usw. aber das war nicht mein Thema in diesem Beitrag.
      Und dann müssen wir in der ganzen Diskussion auch aufpassen, dass wir nicht in den platten Gegensatz von guten OER und bösen ökonomisierten Bildungsmedien geraten. Aus open-source-Software läßt sich lernen, dass es gut ist, Software offen zu legen und das es ebenso gut ist, wenn offene Software-Pakete gebündelt und mit Support versehen, verkauft wird. Ich meine, dass Max Klett während der OERKoeln13 eine ähnliche Position für die Rolle von Verlagen im Rahmen der OER-Bewegung vertrat…

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