Webinar – ein erster Selbstversuch landet zwischen Hörbuch und Kaffeefahrt

Ich gestehe, schon längere Zeit bin ich Mitglied eines sozialen Netzwerkes für berufliche Kontakte. Weil ich dort auch hier und da angeredet werde, bin ich Mitglied in wenigen Gruppen. Eine verheißt mir, dass ich Tipps und Austausch darüber erhalte, wie ich effektiver und effizienter arbeiten kann… Bald 40.000 Mitglieder hat diese Gruppe – scheint also so, als ist man mit diesem Thema am Puls der Zeit. Und dann erhalte ich über diese Gruppe immer wieder Einladungen zu Webinaren. Und nun war ein Selbstversuch dran: Zeit produktiver einsetzen…

Rechtzeitig wenige Minuten vor Beginn bin ich eingeloggt und höre zwei Herren zu, die sich wohllaunig in Moderations- und Vortragslaune reden und dabei die eintreffenden Gäste schon mal ans Thema heranführen. Dabei wird auch schon mal der Neid-Faktor bedient, befindet sich der Referent doch gerade weit entfernt in einem gern genommenen Urlaubsland (später offenbart er noch, dass er durch seine Effizienztechniken etwa ein halbes Jahr pro Jahr nicht arbeitet). Man einigt sich, 5 Minuten nach angekündigtem Beginn zu starten, weil doch erfahrungsgemäß immer noch Nachzügler eintreffen. Und tatsächlich tickert es durch die Chatzeile im Sekundentakt: Grüße aus sonst- und anderswo – die Teilnehmenden betreten den „Raum“ und geben sich z.T. mit Namen und Herkunftsort zu erkennen – freudige Gespanntheit auf das Event drückt sich aus.

Endlich: 5 nach 10 (eigentlich 6 nach, aber die Herren waren in Talklaune…) geht es los. Der Referent macht alles richtig: Vorstellung der Person und des Programms mitsamt Ausblick; Anrede der Teilnehmenden und Einstimmung auf lebensverändernde Erkenntnisse, sowie die Erinnerung an Papier und Stift. Gleichzeitig ändert sich die Bildschirmzeile: Die Chatzeile klappt zu (Nebengespräche sind wohl nicht erlaubt) und die vorhersehbare PowerPointPest wird geöffnet und dann abgespult. Dabei muss ich eigentlich nicht mitlesen, denn Wort für Wort, Satz für Satz bekomme ich das vorgetragen und eindrücklich erläutert und bebeispielt. (Dabei hält sich der Referent wunderbar an die Steinwedeschen Grundsätze, wie (biblische) Texte narrativ entfaltet werden 😉  – ob er’s ahnt?) Wofür diese visuelle „Unterstützung“? Das gleiche Angebot als Podcast würde es auch tun…

10.30 Uhr klingelt das Telefon und ich klicke den Ton des Webinars weg. 10.43 Uhr klicke ich mich wieder rein – der Referent redet noch mitreißender, aber ich habe nicht den Eindruck etwas verpasst zu haben. Wir Teilnehmenden erfahren, dass wir natürlich knallhart an uns arbeiten müssten und uns dabei vermutlich auch nicht immer Freunde machen werden – schließlich sollen wir uns ja nur um uns selbst kümmern – dass sind wir uns selbst schuldig.
Und allmählich ändert sich auch die Windrichtung: Immer deutlich wird, dass wir Teilnehmenden diese fundamentalen Prinzipien der Zeitinvestition so richtig eigentlich erst in den Seminaren oder mindestens aus den Büchern des Referenten erlernen könnten, die ich natürlich sofort auf der dezent eingeblendeten URL nachsehe. Nur gut, dass ich auf dieser Odyssee meinen eigenen Kaffee dabei hatte…

Um 10.50 Uhr – fast eine halbe Stunde vor dem angekündigten Ende – klicke ich mich raus. Deswegen entgeht mir natürlich die Möglichkeit, Rückfragen an der Referenten zu stellen. Doch mich selbst frage ich so manches:
– Wer glaubt eigentlich noch an die Wirkung von Vorträgen? Offensichtlich doch eine ganze Menge von Menschen, die wie Lemminge strömen… (mich selbst manchmal eingeschlossen)
– Gilt solch ein Webinar als Form des E-Learnings mit den immer wieder beschriebenen Vorteilen? Aber wo ist die didaktische Struktur mit der Berücksichtigung der Aktivität der Lernenden?
– …

CC BY-SA 4.0 Webinar – ein erster Selbstversuch landet zwischen Hörbuch und Kaffeefahrt von Frank Wessel ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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