Visible Learning statt virtueller Zeitverschwendung

Ob unsere Schulforscher ohne ihn nicht mehr auskommen, wie Zeit-Online schreibt, kann offen bleiben. Offensichtlich ist aber die ungeheure Fleiß- und Erkenntnisleistung, die der Prof. für Erziehungswissenschaften John Hattie aufbrachte, um mehr als 800 Meta-Analysen über mehr als 50000 Einzeluntersuchungen zur Lern- und Lehrforschung zu sortieren und auszuwerten. Diese Meta-Meta-Analyse (eigentlich ja eine „Mega-Analyse“) veröffentlichte er schon 2008 in seinem Buch „Visible Learning“ – eine deutsche Ausgabe ist für Mai 2013 angekündigt.

Schon das Heft NR.13 JUN/2011 „BildungBewegt“ des hessischen Amt für Lehrerbildung beschäftigte sich mit Hattie bzw. seiner Studie. Neben einer guten Zusammenfassung zeigt dann noch Prof. Dr. Lipowsky auf, welche Konsequenzen sich daraus für die Lehrerfortbildung ergeben und was davon in Hessen schon umgesetzt ist. Überraschend sind die Einflussfaktoren, die einen positiven Aspekt auf Lernerfolge haben: „In der … Werteskala belegen Variablen, die sich auf den Unterricht und das Lehrerverhalten beziehen, die vorderen Positionen. Und das sind Einflussfaktoren wie klares Lehrerverhalten, reziprokes Lehren und Lernen als Methode der Texterschließung, variantenreiches, motivationsförderndes Feedback an die Lernenden und – noch wirkmächtiger, so Hattie – als Rückmeldung der Lernenden an die Adresse der Lehrenden die gedankliche Auseinandersetzung der Schülerinnen und Schüler mit dem eigenen Lernen durch metakognitive Verfahren sowie Lehrer-Schüler-Interaktionen.“ Hattie leitet daraus demnach zwei Grundhaltungen für erfolgreichen Unterricht ab:

  • Lieber Lehrer, betrachte deinen Unterricht durch die Augen der Schüler!
  • Lieber Lehrer, mit welchen evaluativen Verfahren kannst du die Lernerfolge deiner Schüler für dich und für sie sichtbar machen?

Die insgesamt 138 Kriterien sind sicherlich komplexer, als diese zwei kleinen Merksätze, die frei nach dem Artikel von D. Gaile und W. Zoubek in o.g. Zeitschrift formuliert sind. Zudem ergeben sich die Faktoren Hatties weitgehend aus Untersuchungen zum schulischen Unterricht. Dennoch gibt es – für oder gegen die Untersuchung Hatties, wonach web-basiertes Lehren und Lernen nicht lernförderlich ist – einige Nähen zu gut gemachten Szenarien des online unterstützten Lernen (OuL). Lipowsky listet im Interview einige Items auf, die sich gut (und gerne 😉 ) auf E-Learning-Settings übertragen lassen:

  • Teacher clarity – die inhaltliche Klarheit des Unterrichts und des Unterrichtenden: die Asynchronität eines OuL ermöglicht und erfordert gerade dies. Ob ein Online-Seminar allerdings eine einzelne Lehrperson so prägnant überbringen kann, wie eine Präsenzveranstaltung? Ich würde sagen ja, aber bleibt mir weg mit Talking heads Filmchen.
  • Higher order questions – Fragen und Impulse, die auf ein höheres kognitives Level zielen: genau darum geht es in einem Online-Seminar, wenn die Teilnehmenden den angebotenen Stoff nicht nur konsumieren dürfen, sondern miteinander durchkauen, anwenden und noch einmal reflektieren.
  • Das sich daraus tragfähige Lern- und Arbeitsbeziehungen ergeben können, ergibt sich beinahe von selbst.
  • Formative Beurteilungen und Feedback an die Lernenden und den Lehrer: Ein Online-Seminar macht Dinge sichtbar: Als Text in Foren, Blogs, Wikis, als Film, als Podcast etc.. Zudem gibt es z.B. Lerntagebücher oder Abschlussberichte und eine individuelle Begleitung der Lernenden durch ein Team von Lernbegleitern. Dies alles macht Lernen, Lernfortschritte und Lernhemmungen sichtbar – und trägt damit nach den Hattieschen Erfolgsfaktoren entscheidend zum Gelingen des Lernen bei.

So bin ich gespannt auf die deutsche Ausgabe von „Visible Learning“ und auch darauf, ob sich etwas über die von Hattie untersuchten Szenarien des web-basierte Lehrens und Lernens findet.

CC BY-SA 4.0 Visible Learning statt virtueller Zeitverschwendung von Frank Wessel ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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