Tolerantia – eine Anthropologie?

Das Alte Testament berichtet von der Erschaffung und Ebenbildlichkeit des Menschen. Was bleibt nach biblischem Befund übrig nachdem der Mensch die Erkenntnis(-möglichkeit) von Gut und Böse erhielt und aus dem Paradies vertrieben wurde? Das AT bleibt dem einmal aufgenommenen Faden treu: In der Noah-Geschichte erkennt Gott, dass „das Trachten und Dichten des menschlichen Herzens böse ist von Jugend auf“ (Gen 8, 21). Immerhin reut es Gott dennoch um seine Schöpfung und verspricht, die Erde nicht weiter zu verfluchen, weil der Mensch sich daneben benimmt.Der Film Tolerantia nimmt diese anthropologische Grundannahme auf und zeigt den gerade erschaffenen Menschen. Auf der Suche nach Sicherheit baut er seine Mauer und huldigt seiner Gottheit. Welch Wunder, das es sofort eine Antwort gibt, die nicht freundlich ist.

Gülte der Satz von dem Erwachen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit sollte man annehmen, dass solche Kriegsszenarien gar nicht mehr möglich sein können. Die theologische Anthropologie muss hier einige Purzelbäume schlagen, um das „böse von Jugend auf“ zu relativieren. Demnach besteht der Mensch aus Körper und Geist bzw. Körper, Geist und Seele und Gottes Anrede an den Menschen zielt auf Geist und/bzw. Seele. Das Herz als Sitz der Lebensfunktionen und der Emotionen ist damit raus und der Mensch trotz schlechter Anfangsbedingungen zum Guten bzw. zum Glauben befähigt.

Noch einfacher lässt sich vermutlich sagen, dass die Kraft und Kunst der Kommunikation nicht zu unterschätzen ist. Statt auf eine „Politik der Sicherheit“ mit der ihr inne wohnenden Tendenz zur Eskalation zu setzen, hätten die hier gezeichneten Krieger anfangen können zu reden, statt sich nur anzubrüllen.

Dass sie ihre Gottheiten verteidigen wollen bringt mich wieder auf den Gedanken der selbstverschuldeten Unmündigkeit, weil ein reflektierter Glaube, kaum einen Krieg rechtfertigen kann. Nicht uninteressant ist, dass dieser Film 2008 in Bosnien und Herzegowina produziert wurde und damit (nicht nur) den dortigen Krieg 1992 – 1995 reflektiert. Seit 2014 erhält der Film unerwartete Aktualität in einem anderen Teil unserer Welt.

CC BY-SA 4.0 Tolerantia – eine Anthropologie? von Frank Wessel ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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